Korsika, der magische GR 20 und warum nicht immer alles so endet wie man es plant

(Martina`s Tagebucheintragungen)

Der GR 20 ist eine der spannendsten Trekkingtouren Europas. Die Route ist ein 180 km (15 Tagesetappen) langer Weg von Calenzana im Nordwesten nach Conca im Südosten der Insel  quer durch den korsischen Naturpark. Man wandert von Hütte zu Hütte, man kann sich für die Hüttenübernachtungsvariante oder der Zeltübernachtungsvariante entscheiden. Je nachdem wie man sich entscheidet, hat man einen leichteren oder schwereren Rucksack. Wir wollten natürlich zelten, deshalb auch die schwerere Variante...

Ursprünglich wollten Harry und ich alle Etappen gehen, oder zumindest so weit wir es durchhalten...doch es kam anders als geplant. Wieso, weshalb, warum? Vielleicht machen es meine Tagebuch Eintragungen etwas deutlicher...

  1. Etappe: 14.Sep.04

Calenzana – Refuge d`Ortu di u Pobu (10km; 6,5h; ­ 1300m ¯50m)

Wir haben Müsli mit unserem letzten Frischobst ( Pfirsich und Banane) gefrühstückt. Sehr lecker. 07:30 sind wir los, es soll eine schwere Etappe werden. 1300 Höhenmeter soll´s hoch gehen. Sieben Stunden lang. Kein Tal, nur Berg. Mal sehen was draus wird.
Während ich so vor mich hin wanderte (wobei wandern sich sehr leicht anhört) machte ich mir so meine Gedanken. Na ja, und dann haben mich so ca. 20 Mücken begleitet. Sie flogen und summten die ganze Zeit um mich rum. Ich wurde anfangs nur gestört, dann haben sie mich total genervt. Irgendwann mal hatte ich ´ne  riesen Wut!!! Der Vorteil am Ganzen war, das ich dadurch von den Strapazen des Hochgehens (mit einem ca. 16 kg  schweren Rucksack –nicht vergessen!)  ziemlich abgelenkt wurde. Die Mücken haben mich ca.1h beim Aufstieg begleitet. D.h. eine Stunde weniger Gedanken über die Schwere des Aufstiegs. Wie man sieht, in jedem Schlechtem steckt was Gutes.
Dann kamen Wolken hoch, ein leichter Wind näherte sich erst zaghaft, dann immer aggressiver. Wir hatten noch ca. 1h bis zur Hütte. Ca 15 h erreichten wir die Hütte . Bei Wind und Regen haben wir das Zelt aufgestellt.
Eintrag um ca 20h: Es regnet immer noch, mal mehr mal weniger. Ab und zu tröpfelt´s nur. Morgen soll´s besser werden. Wir hoffen´s – denn im Regen laufen ist nicht unbedingt prickelnd.

  1. Etappe: 15. Sep.04

Refuge d`Ortu di u Pobu - Refuge de Carozzu ( 8km; 6,5h; ­670m, ¯920m)

Es hat fast die ganze Nacht geregnet. Als wir so gegen halb acht aus dem Zelt raus sind, war es total wolkenverzogen. Und es regnete immer mal wieder. Wir haben dann alles bis auf´s Zelt gepackt und sind dann in die Hütte in den Aufenthaltsraum. Zusammen mit anderen Wanderern haben wir auf den günstigsten Zeitpunkt für´s Weitergehen abgewartet. Das Wetter sah wirklich nicht gut aus. Alles war dunkel. Inzwischen regnete es in Strömen und es war kein blauer Himmel in Sicht. Gegen halb 10 haben wir dann beschlossen das Zelt abzubauen- es hat grad 2 Minuten nicht geregnet. Dann wurde das triefendnasse, total verdreckte Zelt eingepackt.
Diese Etappe sollte auch eine etwas anspruchsvollere Etappe sein. Durch irgendwelche Felsen rumkraxeln und dann ein Abstieg zur Hütte. Es gab auch einen zweiten Weg. Erst mal 2,5 h runter, dann 2 h hoch zur Hütte. Das war die Regenvariante. Und da es regnete, haben wir uns natürlich für diesen Weg entschieden. 15 Min später als wir schon auf dem Weg waren, kam völlig überraschend die Sonne raus. Die Wolken waren plötzlich weg und ein strahlendblauer Himmel zeigte sich. Hmmmm....was soll’s... Zurückgehen und den anderen Weg gehen? Nee...wir gehen runter.
Es war ein schöner Weg. Und plötzlich stockt mir der Atem. Ein Feuersalamander direkt vor mir. „Harry, beweg dich nicht, hol deine Kamera raus- hier ist grad ein Feuersalamander!!“
Harry hat dann seine Fotos gemacht. Meine nagelneue Digitalkamera wartete irgendwo ganz unten im Rucksack auf ihren Einsatz. Nachdem die Eidechse weg war und ich beschlossen hatte die Kamera aus dem Rucksack zu holen, kam schon der zweite Feuersalamander auf uns zu. Das war suuuper!!! Ein paar nette Fotos gemacht und dann ging´s weiter. Innerhalb der nächsten zehn Minuten kreuzten uns noch 3 dieser schönen Tierchen den Weg.
Der Weg ging total unspannend weiter, nichts wichtiges zu erzählen. Bis wir dann unten  waren. Danach hatten wir einen zweistündigen Aufstieg. Es war ein trockenes Flussbett, voller dicker Felsen und Steine in dem wir ein Päuschen gemacht haben. Harry hat das Zelt zum Trocknen gelegt, in der Zwischenzeit haben wir uns die Füße im Bach abgekühlt uns uns ein paar Minütchen gesonnt.
Die nächsten 2 Stunden war total ätzend. Es ging nur hoch, es gab kein Ende. Total genervt und demotiviert waren wir irgend wann mal oben. Der Grund für diesen Motivationsnullpunkt war, dass es auf dem gesamten Weg nichts Spannendes gab. Einfach nur dieser blöde Wald mit diesem blöden Weg auf dem dauernd irgendwelche größere und kleinere Steine im Weg waren über die man drüber musste.
Das Tolle an der Hütte war die Dusche. Vor einem Fels, mitten im Wald in den korsischen Bergen. Und der Sonnenuntergang. Von der Hütte konnte man in das Tal schauen, wo dann irgendwo ganz hinten das Meer war, in dem die Sonne unterging.

  1. Etappe 16. Sep. 04

Refuge de Carozzu - Haut Asco (7 km; ca 6h; ­790m, ¯640m)

Erst mal durch ne Schlucht- immer nur rauf, ca. 3 h. Schöner Blick auf ´s Meer und Calvi. Danach die „Osterhasenscharte“ erreicht. Danach ging es ca. 1h quer über Riesensteine- teilweise würd` ich sagen, Kletterei im leichten 4 Grad. Dann der nächste Pass. Danach ging es 2 h nur runter. Es war furchtbar. Nur Kletterei, tausend Millionen Steine, große und kleine, kleine und dicke, runde und eckige, nasse und trockene. Über alle mussten wir drüber. Der Rucksack schlägt überall an, der stößt dich teilweise weg, man kann die einzelnen Schritte schlecht koordinieren. Irgendwann mal kam dann der Kiefernwald. Mega große Kiefern. Imposant. Doch der Weg wurde nicht besser. Weiterhin steil und steinig. Irgendwann mal waren wir endlich da. Die Hütte liegt in Haut Asco, ein ehemaliges Schiresort.  Es war eine Hütte mit heißer Dusche, die dann aber doch lauwarm warm, Käse und Brot und Wurst gekauft. Einen Apfel und eine Orange.
Morgen soll´s in den Cirque de la Solitude. Es soll die anspruchvollste, schwerste und schönste Etappe sein. Im Wanderführer steht es ist der Höhepunkt des GR20. Hoffentlich hält das Wetter.

17. Sep. 04

Heute hat es den ganzen Tag geregnet. Da die nächste Etappe bei Regen zu gefährlich ist, heißt es für alle: Ruhetag. Alles geht etwas langsamer, wir essen den ganzen Tag, ein kleiner Laden nebenan bietet einiges an Leckereien. Mit auf dem Trail sind auch 4 junge Belgier, die auch ihren Spaß haben. Sie schleppen Marmeladegläser und Nutela mit. Eine Musikbox mit mp3 player ist auch dabei. Wir sitzen den ganzen Tag in dem Aufenthaltsraum der Hütte, trinken Tee, hören Musik und warten auf gutes Wetter.

  1. Etappe. 18. Sep. 04

Haut Asco – Refuge de Tighiettu ( 8km; 6,5 h; ­1000m, ¯740m)

Die Sonne scheint! Wir sind los. Nach ca. 2,5 h durch ein wunderschönes Tal erreichen wir den Cirque de la Solitude- es soll ein gewaltiger Bergkessel sein. Der ist nicht dann doch nicht so gigantisch wie ich mir ihn vorgestellt hab. Es geht ca. 1h sehr steil runter. Über mit Ketten gesicherte Stellen. Teilweise ist es noch nass. Wir sind in der Warteschleife. Nicht jeder ist Bergerfahren, der vor uns läuft. Dann aus dem Kessel wieder raus, 1 Stunde hoch. Wieder müssen wir an einigen Ketten vorbei.
Zu diesem Zeitpunkt war ich zu 100 Prozent davon überzeugt, dass wir den GR 20 schaffen. Der ganze Weg bis hierher war nicht so schwer wie gedacht. Und diese 4 Etappen gelten als die schwersten der ganzen Tour.
Also, alles super easy.
Wir hatten noch ca. 1.5 h runter bis zur Hütte. Eine halbe Stunde weiter war die Bergerie de Ballone, wo wir zelten wollten.
Da oben war alles glasklar: Wir gehen runter, morgen ist die nächste Etappe, geil, dann die übernächste und so weiter. Ich war plötzlich voller Vorfreude und richtig sicher, dass wir den gesamten Trail durchziehen.
Dann sind wir los. Den Berg runter. Über Felsbrocken, mal größer, mal kleiner, mal glätter, mal schwerer, mal besser. Ich bemerkte, dass jeder Schritt runter eine Qual ist. Die Knie schmerzten, die Blasen an den Füßen, die Gelenke allgemein. Langsam kam in mir ein Gedanke hoch: Das tue ich mir keine weiteren 11 Tage an. Dieses Runtergehen war einfach die Hölle. Überall Felsen, ein Felsenmeer. Ich konnten diesen Haufen Steine einfach nicht mehr sehen. Dann wuchs der Gedanke. Ich dachte darüber nach einfach aufzuhören und am nächsten Tag ins Tal zu gehen. Als ich Harry mein Problem schilderte, sagte er einfach nur: OK, lass uns runtergehen. Einfach so. Keine Fragen oder Versuche mich weiter zu motivieren. Ich war total erstaunt und dankbar zugleich.
Die Entscheidung war so einfach. Uns so schnell. Plötzlich schmiedeten wir Pläne. Wir träumten von Stränden (Wir hatten einen Reiseführer von Korsika mit dabei, in dem lauter schöne Fotos von türkisblauen Stränden waren. Ein Tip von uns: Nehmt niemals Bilder von blauen Buchten mit auf den GR 20. Die Versuchung ist sehr groß, die Tour abzubrechen und an den Strand zu gehen), Käse und Wein. Von „richtigem“ Urlaub und was wir noch alles auf der Insel sehen können. Nicht nur Felsen schauen den ganzen Tag.
Im Nachhinein haben wir festgestellt, dass uns diese 4 Tage zwar Spaß gemacht haben, aber sie haben uns nicht „gekickt“. Wir haben es nicht als etwas Besonderes empfunden. Die Landschaft war nicht neu für uns, das Zelten, das Leben aus dem Rucksack auch nicht. Es war normal. Die anderer Trekker auf dieser Tour war fast alle „Neulinge“. Sie waren teilweise zum ersten Mal auf diese Weise unterwegs. Die hat es wahrscheinlich „gekickt“.
Was wir von dieser Tour gelernt haben? Durch unsere Reisen, haben wir schon viele schöne Landschaften gesehen. Und wenn man etwas schon öfters gesehen hat, kann man seine Schönheit nicht mehr schätzen. Dann muss man handeln, bevor es langweilig und nervtötend ist. Man muss die Situation ändern. Für uns hieß es in diesem Fall: Absteigen. Wir hatten genug von Bergen. Wir wollten unserem Auge was anderes zeigen. Wir waren total gespannt, was es alles auf dieser Insel zu entdecken gibt.

Am nächsten Tag sind wir runter ins Tal. Und es war die beste Entscheidung.

Nachtrag:

 21.Sept. 04. Plage de Rondinara.

Ein Traum. Das Wasser ist türkis, glasklar, kleine Fischchen schwimmen ab und zu umher. Ein Südseetraum der auf Korsika in Erfüllung geht. Wir haben beide noch nie so ein Wasser gesehen. Weit weg liegt der GR 20, es war die beste Entscheidung runter zu gehen. Wir haben den ganzen Tag am Strand verbracht und haben beschlossen wir hängen noch einen Tag dran.
Insgesamt waren wir 4 Wochen auf Korsika. 1 Woche in den Bergen, dann 1 Woche die West Küste von Korsika erkundet. Danach kamen 5 Freunde mit denen wir dann die letzten 2 Wochen beim Klettern und Baden verbracht haben.
Es war eine tolle Zeit. Korsika ist immer eine Reise wert.

Buchtip: Outdoor Der Weg ist das Ziel: Trans Korsika GR 20