Chilkot - Trail - 2007 - Karin & Egin Scheiner

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001Skagway
002 Zwei Goldsucher
003 Shelter in Finnigan Camp
004 Ein Prosit zur Gemuetlichkeit
005 Gruenes Licht in Sheep Camp
005 Wo liegt Pleasent C
007 Wie heisse ich
008 Rueckblick talwaerts
009 Artefakte 100 Jahre alt
010 Steilhang zum Pass
011 Crater Lake in Kanada
011 Fast oben
012 In der Tundra
013 Ebendort
014 Egin und Christine
015 Windige Zeiten
016 Die Kirche in Bennett
017 Gefaehrlich - gefaehrlich-oder
018-White Pass Eisenbahnroute
 

Am Chilkoot Trail in Alaska auf den Spuren der Goldsucher

Sicherlich ist der Ansturm der Wanderer und der Abenteurer auf diesen historischen Wanderpfad im Küstengebirge Alaskas nicht so groß wie der im Winter des Jahres 1898/ 1899. Und doch übersteigt er in den Urlaubsmonaten Juli und August manchmal die Aufnahmemöglichkeiten der Camps, so dass ihre Anzahl  durch die Aushändigung eines Berechtigungsscheines(permit) zum Übernachten in der Wildnis  geregelt werden muss. Dieses geschieht in Skagway, im Büro der Parkaufseher(ranger).  Zu ihren Pflichten gehört auch, alle Interessierten über die Wegbeschaffenheit zu informieren und auf  die möglichen Gefahren hinzuweisen. Die Fotos von den grauen Fluten des über die Ufer getretenen Taiya Flusses mit losen Stegen und zerbrochenen Brücken konnten uns von unserem Vorhaben nicht abbringen. War doch der 53,1 km lange Pfad  von Skagway/Dyea nach Bennett über den Chilkoot Pass das wichtigste Ziel unseres Urlaubes in Alaska. Während die Goldsucher dem Ruf des Goldes folgten, um von der Küste über das schneebedeckte Gebirge in das Yukongebiet zu gelangen, war es bei Egin und mir die Neugierde.
Neugierig darauf, ob diese Tour wirklich so schwierig ist und neugierig auf die zahlreichen Gegenstände, welche seit Jahrzehnten wie in einem Freilichtmuseum ausgestellt den Pfad säumen und von den vergangenen goldenen Zeiten erzählen. Wie ein kostbarer Schatz werden diese Artefakte gehütet und behütet, um sie auch für spätere Generationen zu erhalten. Tausende von Möchtegern Minenarbeitern, Abenteurern und Neuland suchenden verließen Haus und Hof, verscherbelten ihr Habe, um auf schnellstem Wege ans Gold zu gelangen. Der Chilkoot Trail war nicht nur der kürzeste sondern auch der am besten erschlossene Pfad. Tlingit Indianer aus dem Küstengebiet benutzten ihn einige Jahrhunderte lang um ihre Handelsbeziehungen zu den Tagish Indianern im Inneren Kanadas zu unterhalten. Während die Indianer den Pfad in den Frühjahrs- und Sommermonaten benutzten, kämpften sich die Neulinge in den widrigsten Jahreszeiten hoch. Ihre Unerfahrenheit im Kampf ums Überleben in der Wildnis bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, glichen sie mit Mut, Ausdauer, Hartnäckigkeit und Erfindergeist aus. Die zermürbendsten Umstände erfuhren die Goldsucher am Steilhang unterhalb des Chilkoot Passes, der gleichzeitig den Grenzübergang von Alaska nach Kanada bedeutete. Hinüber durfte nur, wer 1000 Pfund Gewicht an Ausrüstung und Lebensmitteln mitschleppte. Weder die Kälte noch der Abgang von Lawinen verbunden mit dem Verlust von wertvollen Gegenständen oder Säcken mit Lebensmitteln, konnte sie in ihrem verbissenen Drang voran zu kommen, stoppen. War das Gebirge überschritten, wurde der Weg im Frühjahr mit dem Kanu über die Seen und auf den Wasserläufen des Yukon und Klondike fortgesetzt oder im Winter mit dem Hundeschlitten. 
Wir rüsteten uns, um in 4,5 Tagen durch die einsame Naturschönheit Alaskas auf dem Pfad der Goldsucher von Camp zu Camp zu wandern. Ein Blick aus dem Fenster unseres Wohnwagens in das neblige, graue Nass dahinter dämmte etwas unsere Abenteuerlust. Es regnete ohne Unterlass während der ersten Etappe zum Camp Canyon City. Wie zwei verkleidete Kapuzenmänner sahen wir in unseren langen roten Regenmänteln aus; von den anderen Wanderern unverwechselbar als die Germans benannt. Nach etwa drei Kilometern am Ufer des Taiya Flusses entlang ein unvorgesehener Stopp. Unseren Augen bot sich eine braune, beängstigend stark sprudelnde Brühe, welche den Wald überflutete. Dahinein ragte ein Stück Brücke. Dahinter stemmte sich der vom Wasser mitgerissene Rest des Brückensteges gegen die Wassermassen. Ein Blickwechsel: Aha, die Fotos. Die Schuhe ausgezogen, die Hosen hochgekrempelt, die Wanderstöcke umklammert, den Rucksack festgezurrt und- frisch gewagt ist halb gewonnen. Egin bewegte sich mit dem Stock tastend langsam von Baum zu Baum. Ich folgte ihm nach. Das Wasser reichte mir stellenweise bis über die Knie.
Noch zweimal mussten wir durch Nebenbäche des Taiya Flusses  waten, bis wir Finnegan Camp erreicht hatten. Während die anderen durchnässt und mit klammen Fingern weitergingen, ließen wir uns in der Hütte(shelter) häuslich nieder. Der Kampf mit dem nassen Element ging weiter, denn dass nasse Holz ließ sich trotz aller möglichen Kniffe erst anzünden, nachdem Egin unseren Gaskocher in den Eisenherd steckte und den Hahn aufdrehte. Wir trockneten unsere Sachen, stärkten uns und setzten unsere Wanderung am Abend fort.
Der Fluss rauschte und toste und dröhnte mit einer solchen Geschwindigkeit talwärts, dass sich an manchen Stellen eine Gegenströmung bildete. Auch auf diesem Teil der Strecke mussten wir unsere Schuhe einige Male ausziehen und auf überfluteten schwankenden Holzstegen balancieren. Als wir in Canyon City eintrafen, war die Stimmung bedrückt. Der Pfad sei bis auf weiteres der zahlreichen über die Ufer getretenen Bäche wegen geschlossen worden, teilte man uns mit. Gefangen im Camp? Wir flüchteten vor dem einsetzenden Nieselregen ins Zelt. Gute Nachrichten gab`s am nächsten Morgen: Das Wasser habe sich zurückgezogen und der Weg sei wieder begehbar. Aufbruchstimmung. Vor dem Abmarsch besichtigten Egin und ich Old Canyon City, den Ort, wo vor 100 Jahren mitten im Urwald eine Siedlung aus dem Boden gestampft worden war. Wir entdeckten die verfaulten Balken einer zusammen gerumpelten Hütte, Schaufelblätter, Pfannen, Drähte, Sägeblätter. Doch das Interessanteste war eine große Dampfmaschine, mit deren Dampfkraft eine Seilbahn bis hinauf in den Pass betrieben worden war.
Zaghaft lugte die Sonne hervor, während wir neben dem ohrenbetäubenden, Angst einflößenden Fluss weiterwanderten. Die Kneipp- Kur mussten wir wieder auf uns nehmen, doch heute entdeckten wir so manche Blume oder Pflanze und erfreuten uns an ihrer stillen Schönheit.  Im Regenwald an der NW Küste des Pazifiks ist die Vegetation sehr üppig. Die Sonnenstrahlen durchdringen kaum das Dickicht von Hemlocktannen, Sitkafichten, Erlen und Baumwollbüschen. Nach einer Verschnaufpause im Pleasant Camp ging`s weiter zum Sheep Camp. Dort schlürften wir genießerisch unsere Suppe in der warmen Sonne nachdem das Zelt stand. Danach räumten wir alle Lebensmittel und Dosen in die eiserne Kiste. Solche gibt es in allen Camps in der Wildnis und es ist oberstes Gebot, alle essbaren Vorräte darin zu verstauen. Es ist eine Vorsichtsmaßnahme um die Bären von den Zeltplätzen fern zu halten. Der Ranger teilte uns am Abend mit, dass auf der kanadischen Seite ein Bär gesichtet worden sei und dort aus Sicherheitsgründen in Vierergruppen gewandert werden müsse.
Sheep Camp war seinerzeit das größte Goldsucher Camp Es war der Ort des Atemholens und des Kräfte  sammeln, um den 45 Grad geneigten Steilhang zum Pass  zu bezwingen. In der Zeltstadt wurden Hotels, Restaurants, Hütten errichtet; eine Badeanstalt, ein Wäschesalon, eine Post, ja, sogar ein Krankenhaus existierten. Ein paar verrostete Artefakte waren die einzigen Spuren, welche von den 6000- 8000 Durchreisenden des Winters 1898/1899 übrig geblieben waren.  Alles war dem feuchten Regenwald zum Opfer gefallen.
Bei den ``Scales`` angekommen, glitten unsere Blicke über die Schneefelder am Fuße des Steilhanges und tasteten den Hang nach einem Steg ab.  The Scales bedeuteten den Knackpunkt während des Goldrausches. Denn hier wogen die Träger das Gepäck ein letztes Mal vor dem Aufstieg, luden es um und handelten neue Preise mit den Besitzern  aus.  Für die Entmutigten bedeutete es die Endstation und die Aufgabe aller goldenen Illusionen.
 Egin und ich waren enorm gut in Form. Nachdem wir die Schneefelder überquert hatten, schickten wir uns an, in dem Labyrinth des riesigen Steinhaufens mit dem der Hang bedeckt war, einen Weg zu finden. Zwar gaben Kunststoffstangen eine Richtung an, doch wir suchten unseren eigenen Klettersteg. Während des Aufstiegs entdeckten wir einige verrostete Konservenbüchsen. Irgendwo lagen ein paar Nägel und ein halber Schuh herum. Kurz vor der eigentlichen Passhöhe machten wir ein Foto am Denkmal mit Zahnrad. 
Nachdem wir den Pass erreicht hatten, nahmen wir dankbar die mit heißem Wasser gefüllte Thermoskanne von Rangerin Christine an und tauchten ein paar Teebeutel ein.. Mit dieser Geste erwarb sie sich sofort unsere Sympathie. Während wir jausten, plauderten wir miteinander. Weil ihr Schichtwechsel anstand, beabsichtigte sie am folgenden Tag ihre Heimreise nach Whitehorse anzutreten. Sie lud uns ein, in der Rangerstation zu übernachten, damit wir am nächsten Tag als Dreiergruppe absteigen könnten. Wir nahmen die Einladung an. Am Abend wanderten wir gemeinsam zu der Stelle, wo die vielen- etwa 60 Stück- Faltboote lagen; so wie sie vor 100 Jahren von der Seilbahn abgeladen wurden.
Nach einer erholsamen Nacht stiegen wir nach Lindeman City ab. Die Sonne strahlte, in der Ferne hoben sich die vergletscherten Gipfel gegen den tiefblauen Himmel ab und wir erfreuten uns an den zarten Blumen der alpinen Tundra. Christine wusste viel aus ihrer 30- jährigen Tätigkeit als Rangerin in diesem Gebiet zu erzählen. Nach einer Ruhepause in Happy Camp wanderten wir weiter und tauchten bald in den subalpinen borealen Wald ein. Heidekraut, Eisenhut, Baldrian, Arnika, Glockenblumen und die orangerote Akelei säumten den Wanderpfad. Am Deep Lake begutachteten wir einen Holzschlitten mit Eisenkufen, der wohl von seinem Besitzer aufgegeben worden war. Christine wies uns auf einige Spuren von Bären hin; ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir deren Revier durchquerten.
In Lindeman City, dem Basislager der Parkaufseher bezogen wir ein ``Rangerhaus`` und genossen das leckere Essen, welches Christine für uns zubereitete.  Darunter muss man sich eine aus einem Raum bestehende Unterkunft vorstellen, deren unterer Teil Holzwände hat, worauf ein Zeltdach mit Seitenwänden befestigt ist. Seine Blütezeit erfuhr Lindeman City im Frühjahr 1898 bis Sommer 1899 als Hunderte von Ankömmlingen über den Lindeman See nach Bennett weiter reisen wollten. Kein Baum wurde stehen gelassen. In den Sägemühlen wurden die Stämme zersägt und alles Holz wurde zu Booten und Häusern verarbeitet oder verfeuert.
Herzlich verabschiedeten wir uns am nächsten Tag von der Rangerin, mit der uns zwei Tage lang eine kurze intensive Freundschaft verband.
Im Nieselregen als rote Kapuzenmänner starteten wir zu unserer letzten Etappe nach Bennett. Diese Teilstrecke führte uns am Ufer des Lindeman Sees entlang, der dann in einer Klamm endend in den Bennett See übergeht. Wie staunten wir, als wir am Seeende durch feinen goldgelben Sand dem Ort Bennett zu  staksten. Der lichte Kiefernwald und der eisige Wind erinnerten uns, dass wir nicht am Meeresstrand  spazierten.
Ein einziges Gebäude hat die bewegte Zeit des Goldrausches in dieser Gegend überlebt. Es ist die St. Andreas Kirche in Bennett. Ein stummer aber beeindruckender Zeuge. Ein hohes mit viel Liebe fürs Detail gebautes Holzgebäude. Besonders angetan war ich von den sturmerprobten und doch so anfällig wirkenden  Ecktürmchen. In diesem Ort vereinten sich zwei Routen über welche die Goldsucher in das Yukongebiet vordringen konnten. Die oben beschriebene, der Chilkoot Trail und die Bahntrasse, welche über den White Pass führte und in Whitehorse der Hauptstadt des heutigen Youkon Territoriums endete. Vor dem eisigen Wind Schutz suchend, bestiegen wir schleunigst den Wagen der ``backpackers``.  Die WP&YR   Dampfeisenbahn brachte uns nach Skagway zurück.

Karin Scheiner im August 2007