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Chilkot - Trail - 2007 - Karin & Egin Scheiner |
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Am Chilkoot Trail in Alaska auf den Spuren der Goldsucher
Sicherlich
ist der Ansturm der Wanderer und der Abenteurer auf diesen historischen
Wanderpfad im Küstengebirge Alaskas nicht so groß wie der im Winter des Jahres
1898/ 1899. Und doch übersteigt er in den Urlaubsmonaten Juli und August
manchmal die Aufnahmemöglichkeiten der Camps, so dass ihre Anzahl durch die Aushändigung eines Berechtigungsscheines(permit)
zum Übernachten in der Wildnis geregelt
werden muss. Dieses geschieht in Skagway, im Büro der Parkaufseher(ranger).
Zu ihren Pflichten gehört auch, alle Interessierten über die
Wegbeschaffenheit zu informieren und auf die
möglichen Gefahren hinzuweisen. Die Fotos von den grauen Fluten des über die
Ufer getretenen Taiya Flusses mit losen Stegen und zerbrochenen Brücken konnten
uns von unserem Vorhaben nicht abbringen. War doch der 53,1 km lange Pfad
von Skagway/Dyea nach Bennett über den Chilkoot Pass das wichtigste Ziel
unseres Urlaubes in Alaska. Während die Goldsucher dem Ruf des Goldes folgten,
um von der Küste über das schneebedeckte Gebirge in das Yukongebiet zu
gelangen, war es bei Egin und mir die Neugierde.
Neugierig darauf, ob diese Tour wirklich so schwierig ist und neugierig auf die
zahlreichen Gegenstände, welche seit Jahrzehnten wie in einem Freilichtmuseum
ausgestellt den Pfad säumen und von den vergangenen goldenen Zeiten erzählen.
Wie ein kostbarer Schatz werden diese Artefakte gehütet und behütet, um sie
auch für spätere Generationen zu erhalten. Tausende von Möchtegern
Minenarbeitern, Abenteurern und Neuland suchenden verließen Haus und Hof,
verscherbelten ihr Habe, um auf schnellstem Wege ans Gold zu gelangen. Der
Chilkoot Trail war nicht nur der kürzeste sondern auch der am besten
erschlossene Pfad. Tlingit Indianer aus dem Küstengebiet benutzten ihn einige
Jahrhunderte lang um ihre Handelsbeziehungen zu den Tagish Indianern im Inneren
Kanadas zu unterhalten. Während die Indianer den Pfad in den Frühjahrs- und
Sommermonaten benutzten, kämpften sich die Neulinge in den widrigsten
Jahreszeiten hoch. Ihre Unerfahrenheit im Kampf ums Überleben in der Wildnis
bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, glichen sie mit Mut, Ausdauer,
Hartnäckigkeit und Erfindergeist aus. Die zermürbendsten Umstände erfuhren
die Goldsucher am Steilhang unterhalb des Chilkoot Passes, der gleichzeitig den
Grenzübergang von Alaska nach Kanada bedeutete. Hinüber durfte nur, wer 1000
Pfund Gewicht an Ausrüstung und Lebensmitteln mitschleppte. Weder die Kälte
noch der Abgang von Lawinen verbunden mit dem Verlust von wertvollen Gegenständen
oder Säcken mit Lebensmitteln, konnte sie in ihrem verbissenen Drang voran zu
kommen, stoppen. War das Gebirge überschritten, wurde der Weg im Frühjahr mit
dem Kanu über die Seen und auf den Wasserläufen des Yukon und Klondike
fortgesetzt oder im Winter mit dem Hundeschlitten.
Wir rüsteten uns, um in 4,5 Tagen
durch die einsame Naturschönheit Alaskas auf dem Pfad der Goldsucher von Camp
zu Camp zu wandern. Ein Blick aus dem Fenster unseres Wohnwagens in das neblige,
graue Nass dahinter dämmte etwas unsere Abenteuerlust. Es regnete ohne
Unterlass während der ersten Etappe zum Camp Canyon City. Wie zwei verkleidete
Kapuzenmänner sahen wir in unseren langen roten Regenmänteln aus; von den
anderen Wanderern unverwechselbar als die Germans benannt. Nach etwa drei
Kilometern am Ufer des Taiya Flusses entlang ein unvorgesehener Stopp. Unseren
Augen bot sich eine braune, beängstigend stark sprudelnde Brühe, welche den
Wald überflutete. Dahinein ragte ein Stück Brücke. Dahinter stemmte sich der
vom Wasser mitgerissene Rest des Brückensteges gegen die Wassermassen. Ein
Blickwechsel: Aha, die Fotos. Die Schuhe ausgezogen, die Hosen hochgekrempelt,
die Wanderstöcke umklammert, den Rucksack festgezurrt und- frisch gewagt ist
halb gewonnen. Egin bewegte sich mit dem Stock tastend langsam von Baum zu Baum.
Ich folgte ihm nach. Das Wasser reichte mir stellenweise bis über die Knie.
Noch zweimal mussten wir durch Nebenbäche des Taiya Flusses
waten, bis wir Finnegan Camp erreicht hatten. Während die anderen durchnässt
und mit klammen Fingern weitergingen, ließen wir uns in der Hütte(shelter) häuslich
nieder. Der Kampf mit dem nassen Element ging weiter, denn dass nasse Holz ließ
sich trotz aller möglichen Kniffe erst anzünden, nachdem Egin unseren
Gaskocher in den Eisenherd steckte und den Hahn aufdrehte. Wir trockneten unsere
Sachen, stärkten uns und setzten unsere Wanderung am Abend fort.
Der Fluss rauschte und toste und dröhnte mit einer solchen Geschwindigkeit talwärts,
dass sich an manchen Stellen eine Gegenströmung bildete. Auch auf diesem Teil
der Strecke mussten wir unsere Schuhe einige Male ausziehen und auf überfluteten
schwankenden Holzstegen balancieren. Als wir in Canyon City eintrafen, war die
Stimmung bedrückt. Der Pfad sei bis auf weiteres der zahlreichen über die Ufer
getretenen Bäche wegen geschlossen worden, teilte man uns mit. Gefangen im
Camp? Wir flüchteten vor dem einsetzenden Nieselregen ins Zelt. Gute
Nachrichten gab`s am nächsten Morgen: Das Wasser habe sich zurückgezogen und
der Weg sei wieder begehbar. Aufbruchstimmung. Vor dem Abmarsch besichtigten
Egin und ich Old Canyon City, den Ort, wo vor 100 Jahren mitten im Urwald eine
Siedlung aus dem Boden gestampft worden war. Wir entdeckten die verfaulten
Balken einer zusammen gerumpelten Hütte, Schaufelblätter, Pfannen, Drähte, Sägeblätter.
Doch das Interessanteste war eine große Dampfmaschine, mit deren Dampfkraft
eine Seilbahn bis hinauf in den Pass betrieben worden war.
Zaghaft lugte die Sonne hervor, während wir neben dem ohrenbetäubenden, Angst
einflößenden Fluss weiterwanderten. Die Kneipp- Kur mussten wir wieder auf uns
nehmen, doch heute entdeckten wir so manche Blume oder Pflanze und erfreuten uns
an ihrer stillen Schönheit. Im
Regenwald an der NW Küste des Pazifiks ist die Vegetation sehr üppig. Die
Sonnenstrahlen durchdringen kaum das Dickicht von Hemlocktannen, Sitkafichten,
Erlen und Baumwollbüschen. Nach einer Verschnaufpause im Pleasant Camp ging`s
weiter zum Sheep Camp. Dort schlürften wir genießerisch unsere Suppe in der
warmen Sonne nachdem das Zelt stand. Danach räumten wir alle Lebensmittel und
Dosen in die eiserne Kiste. Solche gibt es in allen Camps in der Wildnis und es
ist oberstes Gebot, alle essbaren Vorräte darin zu verstauen. Es ist eine
Vorsichtsmaßnahme um die Bären von den Zeltplätzen fern zu halten. Der Ranger
teilte uns am Abend mit, dass auf der kanadischen Seite ein Bär gesichtet
worden sei und dort aus Sicherheitsgründen in Vierergruppen gewandert werden müsse.
Sheep Camp war seinerzeit das größte
Goldsucher Camp Es war der Ort des Atemholens und des Kräfte
sammeln, um den 45 Grad geneigten Steilhang zum Pass
zu bezwingen. In der Zeltstadt wurden Hotels, Restaurants, Hütten
errichtet; eine Badeanstalt, ein Wäschesalon, eine Post, ja, sogar ein
Krankenhaus existierten. Ein paar verrostete Artefakte waren die einzigen
Spuren, welche von den 6000- 8000 Durchreisenden des Winters 1898/1899 übrig
geblieben waren. Alles war dem
feuchten Regenwald zum Opfer gefallen.
Bei den ``Scales`` angekommen, glitten
unsere Blicke über die Schneefelder am Fuße des Steilhanges und tasteten den
Hang nach einem Steg ab. The Scales
bedeuteten den Knackpunkt während des Goldrausches. Denn hier wogen die Träger
das Gepäck ein letztes Mal vor dem Aufstieg, luden es um und handelten neue
Preise mit den Besitzern aus.
Für die Entmutigten bedeutete es die Endstation und die Aufgabe aller
goldenen Illusionen.
Egin
und ich waren enorm gut in Form. Nachdem wir die Schneefelder überquert hatten,
schickten wir uns an, in dem Labyrinth des riesigen Steinhaufens mit dem der
Hang bedeckt war, einen Weg zu finden. Zwar gaben Kunststoffstangen eine
Richtung an, doch wir suchten unseren eigenen Klettersteg. Während des
Aufstiegs entdeckten wir einige verrostete Konservenbüchsen. Irgendwo lagen ein
paar Nägel und ein halber Schuh herum. Kurz vor der eigentlichen Passhöhe
machten wir ein Foto am Denkmal mit Zahnrad.
Nachdem wir den Pass erreicht
hatten, nahmen wir dankbar die mit heißem Wasser gefüllte Thermoskanne von
Rangerin Christine an und tauchten ein paar Teebeutel ein.. Mit dieser Geste
erwarb sie sich sofort unsere Sympathie. Während wir jausten, plauderten wir
miteinander. Weil ihr Schichtwechsel anstand, beabsichtigte sie am folgenden Tag
ihre Heimreise nach Whitehorse anzutreten. Sie lud uns ein, in der Rangerstation
zu übernachten, damit wir am nächsten Tag als Dreiergruppe absteigen könnten.
Wir nahmen die Einladung an. Am Abend wanderten wir gemeinsam zu der Stelle, wo
die vielen- etwa 60 Stück- Faltboote lagen; so wie sie vor 100 Jahren von der
Seilbahn abgeladen wurden.
Nach einer erholsamen Nacht stiegen wir nach Lindeman City ab. Die Sonne
strahlte, in der Ferne hoben sich die vergletscherten Gipfel gegen den
tiefblauen Himmel ab und wir erfreuten uns an den zarten Blumen der alpinen
Tundra. Christine wusste viel aus ihrer 30- jährigen Tätigkeit als Rangerin in
diesem Gebiet zu erzählen. Nach einer Ruhepause in Happy Camp wanderten wir
weiter und tauchten bald in den subalpinen borealen Wald ein. Heidekraut,
Eisenhut, Baldrian, Arnika, Glockenblumen und die orangerote Akelei säumten den
Wanderpfad. Am Deep Lake begutachteten wir einen Holzschlitten mit Eisenkufen,
der wohl von seinem Besitzer aufgegeben worden war. Christine wies uns auf
einige Spuren von Bären hin; ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir deren
Revier durchquerten.
In Lindeman City, dem Basislager der Parkaufseher bezogen wir ein ``Rangerhaus``
und genossen das leckere Essen, welches Christine für uns zubereitete.
Darunter muss man sich eine aus einem Raum bestehende Unterkunft
vorstellen, deren unterer Teil Holzwände hat, worauf ein Zeltdach mit Seitenwänden
befestigt ist. Seine Blütezeit erfuhr Lindeman City im Frühjahr 1898 bis
Sommer 1899 als Hunderte von Ankömmlingen über den Lindeman See nach Bennett
weiter reisen wollten. Kein Baum wurde stehen gelassen. In den Sägemühlen
wurden die Stämme zersägt und alles Holz wurde zu Booten und Häusern
verarbeitet oder verfeuert.
Herzlich verabschiedeten wir uns am nächsten Tag von der Rangerin, mit der uns
zwei Tage lang eine kurze intensive Freundschaft verband.
Im Nieselregen als rote Kapuzenmänner starteten wir zu unserer letzten Etappe
nach Bennett. Diese Teilstrecke führte uns am Ufer des Lindeman Sees entlang,
der dann in einer Klamm endend in den Bennett See übergeht. Wie staunten wir,
als wir am Seeende durch feinen goldgelben Sand dem Ort Bennett zu staksten. Der lichte Kiefernwald und der eisige Wind
erinnerten uns, dass wir nicht am Meeresstrand
spazierten.
Ein einziges Gebäude hat die bewegte Zeit des Goldrausches in dieser Gegend überlebt.
Es ist die St. Andreas Kirche in Bennett. Ein stummer aber beeindruckender
Zeuge. Ein hohes mit viel Liebe fürs Detail gebautes Holzgebäude. Besonders
angetan war ich von den sturmerprobten und doch so anfällig wirkenden
Ecktürmchen. In diesem Ort vereinten sich zwei Routen über welche die
Goldsucher in das Yukongebiet vordringen konnten. Die oben beschriebene, der
Chilkoot Trail und die Bahntrasse, welche über den White Pass führte und in
Whitehorse der Hauptstadt des heutigen Youkon Territoriums endete. Vor dem
eisigen Wind Schutz suchend, bestiegen wir schleunigst den Wagen der ``backpackers``.
Die WP&YR
Dampfeisenbahn brachte uns nach Skagway zurück.
Karin Scheiner im August 2007